Der Sonntag, an dem das Öl fließen lernte

Es war ein Sonntagmorgen Ende August 1859, als William „Onkel Billy“ Smith, der Bohrer von Edwin Drake, in das offene Bohrgestänge blickte und eine dunkle Flüssigkeit auf dem Wasser schwimmen sah. Kein Springer schoss in den Himmel, keine Fontäne begrüßte den Tag. Stattdessen pumpten sie das Öl mit einer einfachen Handpumpe an die Oberfläche – zehn bis 25 Barrel am Tag. Doch dieser unspektakuläre Moment in einer abgelegenen Senke bei Titusville, Pennsylvania, gilt als Geburtsstunde der modernen Ölindustrie.

Die Idee, nach Öl zu bohren wie nach Sole

Alles begann mit einem Anwalt namens George Bissell. 1854 hatte er eine Probe „Steinöl“ aus der Gegend um Titusville gesehen und sich gefragt: Wenn man Sole durch Bohren gewinnt – warum nicht auch Öl? Er gründete die Pennsylvania Rock Oil Company, das wohl erste Erdölunternehmen der Welt. Doch Investoren brauchten wissenschaftliche Belege. Bissell schickte eine Probe an Professor Benjamin Silliman Jr. von der Yale University. Dessen Gutachten von 1855 war eindeutig: Das Öl ließ sich destillieren zu einem hervorragenden Leuchtmittel, Kerosin, das Waltran und das gefährliche „Camphin“ ersetzen konnte. Damit hatte Bissell die wirtschaftliche Begründung.

Die neu formierte Seneca Oil Company engagierte Edwin L. Drake für das Bohrvorhaben. Drake war kein wirklicher Oberst – der Titel sollte nur Autorität verleihen –, sondern ein ehemaliger Eisenbahndirektor mit Zähigkeit. Er traf 1858 in Titusville ein, einer dünn besiedelten Wildnis im nordwestlichen Pennsylvania. Die Aufgabe: gezielt nach Öl bohren, was in Amerika noch niemandem gelungen war.

Drakes Torheit und das eiserne Rohr

Die Skepsis war groß. Einheimische nannten das Projekt „Drakes Torheit“. Das Seilbohrverfahren – ein schwerer Meißel, der an einem Seil gehoben und fallengelassen wurde – kam nur wenige Fuß pro Tag voran. Im weichen Oberflächenboden brachen die Bohrlochwände ständig ein. Drakes geniale Lösung: Er trieb Abschnitte von Gusseisenrohren in den Boden, bis er auf Festgestein stieß, und bohrte durch dieses Rohr weiter. Eine Technik, die bis heute Standard ist.

Monate vergingen. Das Geld der Investoren schwand, Drake lieh sich privat Geld, um den Betrieb am Laufen zu halten. Am Samstag, dem 27. August 1859, erreichte der Meißel 69 Fuß (gut 21 Meter) Tiefe und rutschte in eine Klüftung. Die Arbeit ruhte am Wochenende. Am Sonntag, dem 28. August, kontrollierte Smith die Bohrung – und fand Öl.

Der Rausch bricht los

Die Nachricht verbreitete sich wie ein Lauffeuer. Tausende strömten in die Täler des Oil Creek. Städte wie Pithole und Oil City schossen aus dem Boden, geprägt von schlammigen Straßen, Saloons und Wäldern aus hölzernen Fördergerüsten. Land, das zuvor wenig wert war, erzielte exorbitante Preise. Vermögen wurden in schwindelerregender Geschwindigkeit gemacht und verloren – ein Goldrausch, nur dass das Gold schwarz und flüssig war.

Das Hauptprodukt war Kerosin. Es war billiger, heller und sicherer als Waltran und verdrängte ihn rasch als dominantes Leuchtmittel in Nordamerika. Raffinerien entstanden in den Ölregionen und in Städten wie Cleveland und Pittsburgh. Die Nachfrage schien unersättlich.

Vom Chaos zur Kontrolle

Die frühe Förderung war chaotisch. Bohrungen standen dicht beieinander, der Druck in den flachen Reservoiren fiel rasant. Erdgas wurde als Ärgernis abgefackelt, Öllecks waren alltäglich. Transport erfolgte in Holzfässern (das 42-Gallonen-Fass als Maßeinheit stammt von hier) über holprige Straßen – ein logistischer Albtraum. 1865 baute Samuel Van Syckel die erste erfolgreiche Rohölpipeline, fünf Meilen von Pithole zum Bahnhof, und brach das Fuhrleute-Monopol, wenn auch gegen gewaltsamen Widerstand.

In dieses Chaos trat ein junger Geschäftsmann aus Cleveland: John D. Rockefeller. Er erkannte, dass die wahre Macht nicht in der Förderung lag, sondern in Raffination und Transport. 1870 gründete er die Standard Oil Company. Durch akribische Effizienz, bevorzugte Frachtraten der Eisenbahnen, Aufkauf von Wettbewerbern und massive Investitionen in Pipelines wuchs Standard Oil unaufhaltsam. In den 1880ern kontrollierte es den Großteil der US-Raffineriekapazität und des Pipeline-Transports – ein Quasi-Monopol, das 1911 vom Supreme Court zerschlagen wurde.

Ein unspektakulärer Anfang mit gewaltigen Folgen

Drakes Bohrung war kein technisches Wunderwerk. Sie förderte bescheidene Mengen aus geringer Tiefe. Doch sie bewies das Prinzip: Bedeutende Mengen Öl lassen sich durch gezieltes Bohren erschließen. Dieser eine Sonntag in Titusville löste eine Kette aus, die die Welt veränderte – vom Pennsylvanischen Ölrausch über den Aufstieg von Standard Oil bis zum texanischen Spindletop-Springer 1901, der die Industrie in ein neues Zeitalter katapultierte. Das Zeitalter des Schwarzen Goldes hatte begonnen, nicht mit einem Knall, sondern mit dem leisen Glucksen einer Handpumpe an einem Sonntagmorgen.

Dies ist nur eine Episode aus einer viel längeren Geschichte. Die vollständige Darstellung von die geschichte der ölindustrie finden Sie in „Schwarzes Gold“ von Thomas Dwyer auf MixCache.com.

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