- Einleitung
- Kapitel 1 Das Land vor Illinois: Präkolumbische Gesellschaften
- Kapitel 2 Die Illiniwek und die Ankunft der Europäer
- Kapitel 3 Französische Entdeckung und Kolonialherrschaft
- Kapitel 4 Von französischer zu britischer zu amerikanischer Kontrolle
- Kapitel 5 Das Nordwestterritorium und die frühe amerikanische Besiedlung
- Kapitel 6 Bundesstaatlichkeit und die Grenzland-Ära
- Kapitel 7 Der Black-Hawk-Krieg und die Vertreibung der Ureinwohner
- Kapitel 8 Der Aufstieg Abraham Lincolns und die Politik der Sklaverei
- Kapitel 9 Illinois im Bürgerkrieg
- Kapitel 10 Die Industrielle Revolution und das Wachstum Chicagos
- Kapitel 11 Das Vergoldete Zeitalter: Fortschritt und Turbulenzen
- Kapitel 12 Die Progressive Ära und soziale Reformen
- Kapitel 13 Der Erste Weltkrieg und die Goldenen Zwanziger
- Kapitel 14 Die Große Depression und der New Deal in Illinois
- Kapitel 15 Illinois im Zweiten Weltkrieg
- Kapitel 16 Der Nachkriegsboom und die Suburbanisierung
- Kapitel 17 Die Bürgerrechtsbewegung in Illinois
- Kapitel 18 Die turbulenten 1960er Jahre und der politische Umbruch
- Kapitel 19 Deindustrialisierung und wirtschaftliche Herausforderungen
- Kapitel 20 Der Aufstieg der Chicagoer politischen Maschine
- Kapitel 21 Illinois im digitalen Zeitalter: Technologie und Innovation
- Kapitel 22 Kulturelle Beiträge: Literatur, Musik und Kunst
- Kapitel 23 Umweltfragen und Naturschutzbemühungen
- Kapitel 24 Demografische Veränderungen und das moderne Illinois
- Kapitel 25 Illinois im 21. Jahrhundert: Herausforderungen und Chancen
- Nachwort
Eine Geschichte von Illinois
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
Die Geschichte von Illinois zu erzählen, bedeutet, die Geschichte des Herzens einer Nation zu erzählen. Man hat es einen Mikrokosmos Amerikas genannt, einen Bundesstaat, in dem die eigene komplizierte Erzählung des Landes von Konflikt und Erfindung, von Spaltung und Einheit in scharfer Kontur sichtbar wird. Seine Geschichte ist eine ständiger Wandel, ein unaufhörliches Durcheinanderwirbeln von Menschen und Ideen in einer Landschaft, die selbst dramatisch umgestaltet wurde, zuerst durch Eis und dann durch Menschenhand. Von den ausgedehnten Prärien, die ihm seinen beständigsten Spitznamen gaben, bis zu den Stahl- und Glasschluchten von Chicago hält Illinois innerhalb seiner Grenzen das gesamte Spektrum der amerikanischen Erfahrung.
An der Kreuzung des Kontinents positioniert, wurde sein Schicksal stets durch Geografie geprägt. Der Staat wird durch Wasser definiert, begrenzt vom Mississippi, Ohio und Wabash River, und im Nordosten verankert durch die gewaltige Süßwasserausdehnung des Lake Michigan. Diese einzigartige Lage machte ihn schon lange vor der Ankunft der ersten Europäer zu einem natürlichen Knotenpunkt für Bewegung, Handel und Besiedlung. Hier, nahe dem Zusammenfluss der großen Flüsse, errichtete die Mississippi-Kultur die monumentale Stadt Cahokia, ein Zeugnis für eine anspruchsvolle, vorkolumbianische Gesellschaft, die jahrhundertelang gedieh. Das Vermächtnis dieser ersten Völker und der Illiniwek-Konföderation, die dem Staat seinen Namen gab, bildet das grundlegende Kapitel unserer Geschichte.
Die Ankunft französischer Entdecker im 17. Jahrhundert, die den Mississippi und die Flüsse von Illinois hinabpaddelten, markierte den Beginn einer neuen Ära. Für ein Jahrhundert war Illinois ein Außenposten von Neufrankreich, eine dünn besiedelte Grenze von Fallenstellern, Missionaren und Soldaten, bevor es an die Briten abgetreten und kurz darauf von den jungen Vereinigten Staaten während des Unabhängigkeitskrieges beansprucht wurde. Der Übergang zur amerikanischen Kontrolle bereitete die Bühne für einen dramatischen Wandel. Migranten aus dem Süden strömten in die südlichen Regionen, während Siedler aus dem Osten, die neue Verkehrsadern wie den Eriekanal nutzten, den Norden besiedelten. Dieses Zusammentreffen von Kulturen, von Südstaatlern mit pro-sklaverei Gesinnung und Yankees mit abolitionistischen Überzeugungen, machte Illinois zu einem kritischen Schlachtfeld für die Seele der Nation.
Dieser große Kampf verkörpert sich in dem berühmtesten Bewohner des Staates, Abraham Lincoln. In den Grenzstädten und der aufstrebenden Hauptstadt von Illinois formte Lincoln die politische Philosophie und moralische Klarheit, die das Land durch den Bürgerkrieg leiten sollten. Seine Geschichte ist untrennbar mit der von Illinois verbunden, einem Staat, der immense Ressourcen und mehr als eine Viertelmillion Soldaten für die Unionssache beisteuerte. Lincolns Weg von der Blockhütte ins Weiße Haus hob Illinois im nationalen Bewusstsein hervor und brandmarkte es für immer als das „Land of Lincoln“.
In den Jahrzehnten nach dem Krieg durchlief Illinois eine zweite, noch tiefgreifendere Transformation. Die Prärie wurde durch den Stählpflug gezähmt, ihr fruchtbarer Boden machte den Staat zu einer landwirtschaftlichen Großmacht. Gleichzeitig traf die Industrielle Revolution mit explosiver Kraft ein. Eisenbahnen, die in Chicago zusammenliefen, machten die Stadt zum unangefochtenen Verkehrsknotenpunkt der Nation. Mühlen, Schlachthöfe und Fabriken zogen Wellen von Einwanderern aus allen Ecken Europas an, und später eine große Migration von Afroamerikanern vom ländlichen Süden. Chicagos meteorischer Aufstieg, seine Wiedergeburt aus der Asche des Großen Feuers von 1871 und sein Entstehen als globale Stadt kühner Architektur und unermüdlicher Energie ist eine der fesselndsten Erzählungen der amerikanischen Stadtgeschichte.
Das 20. Jahrhundert brachte neue Komplexitäten. Illinois wurde zum Schmelztiegel der Arbeiterbewegung, zu einem Zentrum sozialer Reform, vorangetrieben von Figuren wie Jane Addams im Hull House, und zur Bühne für das organisierte Verbrechen, das die Prohibitionsära prägte. Es überstand die Große Depression, mobilisierte für zwei Weltkriege und wurde zu einer Schlüsselarena der Bürgerrechtsbewegung. Seine politische Landschaft wurde berühmt für ihre Komplexität, von der mächtigen Chicagoer Maschine bis zu den spezifischen Anliegen seiner landwirtschaftlichen Downstate-Gemeinden. In jüngerer Zeit hat der Staat die Schmerzen der Deindustrialisierung bewältigt und die Verheißung einer neuen, von Technologie und Innovation getriebenen Wirtschaft angenommen.
Dieses Buch versucht, diese reiche und oft turbulente Geschichte zu navigieren. Es ist eine Geschichte immenser Vielfalt — von Landschaften, die von den sanften Hügeln des Shawnee National Forest bis zu den flachen, fruchtbaren Ebenen der zentralen Countys reichen, und von einer Bevölkerung, die den vielfältigen Wandteppich der Nation widerspiegelt. Es ist eine Geschichte, geprägt von Kontrasten: zwischen urban und ländlich, industriell und landwirtschaftlich, progressiv und traditionell. Indem wir die Reise von Illinois erforschen, von seinen frühesten Bewohnern bis zu seinem Platz im 21. Jahrhundert, gewinnen wir ein tieferes Verständnis der Kräfte, die nicht nur einen einzelnen Staat, sondern die Vereinigten Staaten selbst geformt haben.
KAPITEL EINS: Das Land vor Illinois: Präkolumbische Gesellschaften
Bevor es Illinois gab, gab es Eis. Große Kontinentalgletscher, an manchen Stellen eine Meile oder mehr dick, schoben sich wiederholt nach Süden über den nordamerikanischen Kontinent. Während mehrerer verschiedener glazialer Perioden über fast zwei Millionen Jahre hinweg schürften und formten diese gewaltigen Eismassen die Landschaft, ebneten Hügel ein und füllten alte Flusstäler mit zerriebenem Gestein und Erde. Die jüngste davon, die Wisconsin-Vereisung, bedeckte den nordöstlichen Teil des Staates mit einem tiefen Frost, bis sie schließlich vor etwa 17.000 Jahren ihren langsamen, tropfenden Rückzug antrat.
Die zurückgelassene Welt war ein grundlegend anderer Ort. Als das Eis schmolz, entließ es gewaltige Wassermassen, die neue Bahnen für den Mississippi, den Illinois River und den Ohio River schnitten und riesige Mengen Sand und Kies ablagerten. Die Landschaft unmittelbar südlich des zurückweichenden Eises war eine feuchte, kalte Tundra, beherrscht von widerstandsfähigen Seggen und Fichtenwäldern, eher vergleichbar mit dem heutigen Nordkanada als mit den Maisfeldern von heute. Es war ein Land der Riesen. Herden von Wollhaarmammuten und Amerikanischen Mastodons streiften durch die kalten Wälder, neben Riesenbibern von der Größe von Schwarzbären, imposanten Hirschmöhren und behäbigen Riesenfaultieren.
In diese karge, postglaziale Welt kamen die ersten Menschen. Archäologische Funde deuten darauf hin, dass Menschen vor etwa 13.000 Jahren in das Gebiet des heutigen Illinois gelangten, ganz am Ende der letzten Eiszeit. Diese Pioniergruppen, die von Archäologen als Paläo-Indianer bezeichnet werden, waren nomadische Jäger und Sammler. Sie lebten in kleinen, mobilen Banden und hinterließen eine schwache archäologische Spur, die ihr Leben nur schwer im Detail erforschbar macht. Sie folgten wahrscheinlich den großen Herden der eiszeitlichen Megafauna, die nicht nur Nahrung lieferten, sondern auch Felle für Kleidung und Unterschlupf sowie Knochen für Werkzeuge.
Das charakteristische Artefakt dieser ersten Bewohner ist die Clovis-Spitze, ein meisterhaft gefertigter Speerspitzen-Typ mit einer markanten „Flöte“ oder Rinne an der Basis, die es ermöglichte, sie sicher an einem Holzschaft zu befestigen. Diese aus hochwertigem Stein gefertigten Spitzen waren furchterregende Waffen, unverzichtbar für die Jagd auf die gewaltigen Tiere der Epoche. Hunderte von Clovis-Spitzen wurden quer durch Illinois entdeckt, von den Hochlagen am Kankakee River bis zu den Flusstälern im Süden, was auf eine weitverbreitete, wenn auch dünne menschliche Präsenz hindeutet. Zwar wurden keine Skelettreste dieser paläo-indianischen Menschen in Illinois gefunden, doch ihre Steinwerkzeuge erzählen eine Geschichte ständiger Bewegung und Anpassung.
Direkte Beweise für die Jagd von Paläo-Indianern auf Megafauna in der Region sind selten, aber überzeugend. An der Fundstelle Kimmswick, südlich von St. Louis in Missouri, legten Archäologen des Illinois State Museum eine Clovis-Spitze in direktem Kontakt mit einem Mastodon-Knochen frei – ein klarer Hinweis auf eine erfolgreiche Jagd vor Tausenden von Jahren. Funde wie dieser gewähren uns einen dramatischen Einblick in die Herausforderungen und Triumphe des Lebens in den letzten Tagen der Eiszeit. Einige Fundstellen in Illinois, wie die Lincoln-Hills-Fundstelle im Jersey County, wurden immer wieder aufgesucht, wahrscheinlich weil sie in der Nähe entscheidender Ressourcen wie hochwertigem Gestein für die Werkzeugherstellung lagen. Hier lagerten die Urahnen, reparierten ihre Werkzeugsätze und bereiteten sich auf den nächsten Abschnitt ihrer Reise durch die weite, kalte Landschaft vor.
Als das Klima sich weiter erwärmte, verschwand die Welt der Paläo-Indianer. Die großen Eisschilde schmolzen vollständig ab, die Fichtenwälder zogen sich nach Norden zurück, und die Megafauna, gestresst durch die sich rasant verändernde Umwelt und vielleicht durch die Effizienz der neuen menschlichen Räuber, starb aus. Dies läutete ein neues Kapitel in der Menschheitsgeschichte von Illinois ein, bekannt als die archaische Periode, die ungefähr von 8000 v. Chr. bis 1000 v. Chr. dauerte. Die Umwelt begann der heutigen zu ähneln, mit der Ausbreitung von Laubwäldern und den weiten Prärien, die den Staat künftig prägen sollten.
Die Völker der archaischen Periode passten sich dieser neuen Welt an, indem sie ihren Fokus von der Großwildjagd auf eine diversifiziertere Strategie verlagerten. Sie jagten kleinere Tiere wie Weißwedelhirsche, fischten in den zunehmend ergiebigen Flüssen und wurden zu erfahrenen Sammlern, die Nüsse, Samen und Wildpflanzen sammelten. Auch ihre Technologie entwickelte sich weiter. Der Speerschleuder (Atlatl) wurde zum gängigen Werkzeug, im Grunde ein Hebel, der es einem Jäger erlaubte, einen Speer mit größerer Wucht und Präzision zu schleudern. Zudem entwickelten sie geschliffene Steinwerkzeuge, wie Äxte zum Roden von Wäldern und Mahlsteine zur Verarbeitung pflanzlicher Nahrung.
Vielleicht die wichtigste archäologische Fundstelle Nordamerikas für das Verständnis der archaischen Periode liegt im unteren Illinois River Valley: die Koster-Fundstelle. Ausgrabungen in Koster, im Greene County, offenbarten einen erstaunlich gut erhaltenen Nachweis menschlicher Besiedlung, der fast 10.000 Jahre zurückreicht. Die Fundstelle enthält mindestens 15 distincte Besiedlungsschichten, oder „Horizonte“, die wie ein Schichtkuchen der Geschichte übereinander gestapelt sind. Diese einzigartige Stratigraphie ermöglichte es Archäologen zu sehen, wie sich das menschliche Leben über Jahrtausende veränderte.
Die Entdeckungen in Koster waren revolutionär. Archäologen legten die Überreste einiger der frühesten festen Häuser Nordamerikas frei, datiert auf ca. 6500 v. Chr. Sie fanden Beweise für Hunde, die sorgfältig bestattet worden waren, was darauf hindeutet, dass es sich nicht nur um Arbeitstiere, sondern um Gefährten handelte. Ein 8500 Jahre altes Lagerfeuer wurde ausgegraben, umgeben von den Knochen eines Weißwedelhirsches, ein Zeugnis einer erfolgreichen Jagd. Die Fundstelle zeigte, dass die Menschen in der mittleren archaischen Periode längere Teile des Jahres in sesshafteren Basislager lebten – ein signifikanter Wandel weg vom ständigen Wandern ihrer paläo-indianischen Vorfahren.
Der tiefe Befund von Koster illustriert auch eine wachsende Raffinesse in der Werkzeugnutzung und im Ressourcenmanagement. Knochen und Muscheln wurden zu Fischhaken und Schmuck verarbeitet. Die Bewohner kultivierten bestimmte ressourcenreiche Gebiete und kehrten jahraus, jahrein dorthin zurück. Sie betrieben auch Fernhandel. In Koster gefundene Steinwerkzeuge bestanden aus Materialien, die aus so weit entfernten Gebieten wie dem nordwestlichen Indiana stammten, was auf komplexe Netzwerke von Austausch und Reisen hindeutet. Die Fundstelle bietet ein einzigartig detailliertes Fenster in eine Welt, in der menschliche Gesellschaften komplexer, bevölkerungsreicher und sesshafter wurden.
Um 1000 v. Chr. markierte eine weitere Serie von Innovationen den Beginn der Woodland-Periode. Die bedeutendste davon war die Erfindung der Keramik. Zum ersten Mal konnten Menschen haltbare, feuerfeste Behälter zum Kochen und Lagern von Nahrung herstellen. Dieser einfache, aber tiefgreifende technologische Sprung veränderte Kochmethoden, verbesserte die Vorratshaltung und ermöglichte einen sesshafteren Lebensstil. Frühe Woodland-Keramik war dickwandig und grob, aber nichtsdestotrotz eine revolutionäre Entwicklung.
Die Woodland-Periode sah auch den Beginn der Landwirtschaft in Illinois. Menschen begannen, heimische Pflanzen wie Kürbis, Sonnenblumen und andere stärkereiche und ölige Samen gezielt anzubauen. Diese Sammlung kultivierter Pflanzen ist heute als Eastern Agricultural Complex (östlicher Landwirtschaftskomplex) bekannt. Obwohl es sich noch nicht um den intensiven, großflächigen Ackerbau handelte, der später folgen sollte, lieferte diese frühe Gartenbauwirtschaft eine zuverlässigere Nahrungsquelle, die die Ernährung aus Jagd und Sammeln ergänzte. Dies wiederum ermöglichte größere, dauerhaftere Dörfer.
Das wohl markanteste Merkmal der Woodland-Periode war jedoch der Aufstieg elaborierter Bestattungsrituale und die Errichtung von Grabhügeln. Gruppen begannen, ihre Toten in markanten Erdhügeln zu bestatten, oft begleitet von zeremoniellen Artefakten. Diese Praxis deutet auf eine wachsende Komplexität in der Sozialstruktur und den religiösen Vorstellungen hin. Diese Hügel waren nicht nur Gräber; sie waren heilige Stätten, Grenzmarkierungen und ein Bindeglied zwischen der Gemeinschaft und ihren Ahnen.
Dieser Trend erreichte seinen Höhepunkt in der mittleren Woodland-Periode (ca. 200 v. Chr. – 500 n. Chr.) mit dem Aufstieg der sogenannten Hopewell-Tradition. Der Begriff „Hopewell“ bezieht sich nicht auf einen bestimmten Stamm oder ein Volk, sondern auf ein riesiges Netzwerk kultureller und religiöser Praktiken, das von verschiedenen Gruppen über einen riesigen Teil des östlichen Nordamerika geteilt wurde. Im Kern stand ein Handelsnetzwerk von beispiellosem Ausmaß, oft als Hopewell-Interaktionssphäre bezeichnet.
Durch dieses Netzwerk legten exotische Materialien und Fertigwaren Hunderte, ja Tausende von Meilen zurück, um in Grabhügeln in den Flusstälern von Illinois und Ohio deponiert zu werden. Kupfer von den Großen Seen, Obsidian (Vulkanglas) aus den Rocky Mountains, Glimmer aus den Appalachen und Muscheln aus dem Golf von Mexiko wurden alle in Hopewell-Hügeln in Illinois gefunden. Diese Materialien wurden von geschickten Handwerkern zu atemberaubend schönen Objekten verarbeitet: filigrane Kupferbrustplatten, rasiermesserscharfe Obsidinklingen und Tierdarstellungen darstellende Pfeifenaufsätze, die mit verblüffendem Realismus geschnitzt waren.
Die Menschen der Hopewell-Tradition waren auch Meister des Erdbaus. Sie errichteten massive Erdhügel, einige in geometrischen Formen, andere in Tiergestalt. Diese monumentalen Strukturen erforderten immense Arbeitskraft und hochentwickelte Organisation. Sie dienten als zeremonielle Zentren für die umliegenden Gemeinschaften – Orte für Rituale, Bestattungen und soziale Zusammenkünfte. Der Illinois River und seine Zuflüsse waren ein wichtiges Zentrum der Hopewell-Aktivität, und zahlreiche Hügelgruppen in der Region zeugen von der Macht und Raffinesse dieser antiken Gesellschaften.
Aus Gründen, die noch nicht vollständig verstanden sind, begann die Hopewell-Interaktionssphäre um 400 n. Chr. zu zerfallen. Die großen Handelsnetzwerke brachen zusammen, und der Bau monumentaler Erdwerke hörte auf. Darauf folgte die späte Woodland-Periode, die in gewisser Hinsicht in Bezug auf künstlerische Produktion und Fernhandel wie ein Rückschritt wirkt. In dieser Zeit fanden jedoch zwei entscheidende Entwicklungen statt, die die Bühne für den nächsten großen kulturellen Aufschwung bereiteten: die weitverbreitete Übernahme von Bogen und Pfeil, die die Jagd revolutionierte, und die Einführung des Maisanbaus.
Der Anbau von Mais, einer hochproduktiven Kulturpflanze, die in Mesoamerika ihren Ursprung hat, veränderte alles. Die Landwirtschaft verschob sich von kleinen Gartenparzellen zu ausgedehnten Feldern. Zum ersten Mal konnten Gesellschaften zuverlässig große Nahrungsmittelüberschüsse produzieren. Diese landwirtschaftliche Revolution legte den Grundstein für die komplexeste und bevölkerungsreichste präkolumbische Gesellschaft nördlich von Mexiko: die Mississippi-Kultur.
Ab etwa 1000 n. Chr. entfaltete sich die Lebensweise der Mississippi-Kultur. Sie war gekennzeichnet durch intensiven Maisanbau, eine hierarchische Sozialstruktur, bekannt als Häuptlingstum, und den Bau großer, geplanter Städte, die sich um Erdplattformhügel gruppierten. Dies waren nicht die Grabhügel der Woodland-Periode; es waren massive, flachgedeckte Erdpyramiden, auf denen Tempel, Ratssäle und die Residenzen der Elite errichtet wurden.
Das unbestrittene Zentrum der Mississippi-Welt war eine gewaltige Stadt in der fruchtbaren Überschwemmungsebene des Mississippi River, in der Nähe des heutigen Collinsville, Illinois. Wir kennen sie heute als Cahokia. Auf ihrem Höhepunkt, um 1100 n. Chr., war Cahokia ein ausgedehntes urbanes Zentrum mit einer auf 10.000 bis 20.000 Menschen geschätzten Bevölkerung – eine Einwohnerzahl, die von keiner Stadt in den Vereinigten Staaten bis Philadelphia im späten 18. Jahrhundert übertroffen wurde.
Cahokia war eine Stadt von unglaublichem Ehrgeiz und monumentaler Architektur. Ihr zentraler Bezirk war von einer zwei Meilen langen Verteidigungs-Palisade aus rund 20.000 Baumstämmen umgeben. Innerhalb dieser Mauer lag ein gewaltiger, 40 Hektar großer Grand Plaza, von Hand eingeebnet und angelegt, der als das öffentliche Herz der Stadt diente. Dutzende Hügel umgaben den Platz, der größte von ihnen ist der Monks Mound. In mehreren Phasen über mehrere Jahrhunderte erbaut, ragt diese kolossale Struktur 100 Fuß (ca. 30 Meter) in die Höhe, bedeckt an ihrer Basis 14 Acres (ca. 5,7 Hektar) und enthält schätzungsweise 22 Millionen Kubikfuß (ca. 623.000 Kubikmeter) Erde, alles durch menschliche Arbeit in Körben bewegt. Auf seinem Gipfel stand ein massives Gebäude, wahrscheinlich ein Tempel oder die Residenz des obersten Häuptlings der Stadt.
Das Leben in Cahokia war hochorganisiert. Eine mächtige Elite, die wahrscheinlich politische und religiöse Autorität vereinte, regierte die Stadt und ihr Umland. Die Beweise für diese soziale Schichtung sind deutlich. Ausgrabungen eines kleineren Grabhügels, bekannt als Mound 72, enthüllten das Grab eines mächtigen Anführers, bestattet auf einem Mantel aus 20.000 Muschelperlen. Er war von den Überresten von mehr als 250 anderen Individuen umgeben, von denen viele junge Frauen zu sein schienen, die geopfert wurden, um ihn im Jenseits zu begleiten. Diese grausige Entdeckung zeugt von der immensen Macht, die Cahokias Herrscher ausübten.
Cahokia war auch ein Zentrum wissenschaftlicher Beobachtung. Archäologen entdeckten die Überreste mehrerer großer Holzkreise, heute „Woodhenges“ genannt, die als Sonnenkalender dienten. Aufrechte Pfosten waren auf den Sonnenaufgang zur Sonnenwende und Tagundnachtgleiche ausgerichtet, was es den Stadtbewohnern ermöglichte, die Jahreszeiten zu verfolgen – eine entscheidende Funktion für eine Agrargesellschaft. Die Stadt war ein geschäftiges Zentrum von Handel, Kunst und Zeremonie, ihr Einfluss strahlte hunderte Meilen weit aus, mit kleineren Mississippi-Städten und Gehöften, die die Flusstäler des Mittleren Westens prägten.
Doch so spektakulär ihr Aufstieg war, so dramatisch war Cahokias Niedergang. Ab etwa 1250 n. Chr. begann die Bevölkerung zu schrumpfen. Bis 1350 war die große Stadt weitgehend verlassen. Die genauen Gründe für ihren Zusammenbruch werden von Wissenschaftlern noch immer diskutiert. Theorien umfassen Umweltzerstörung durch Übernutzung und Entwaldung, lang anhaltende Dürren oder Überschwemmungen, die Ausbreitung von Krankheiten im überfüllten Stadtzentrum und soziale oder politische Unruhen. Wahrscheinlich war es eine Kombination dieser Faktoren, die zum Untergang der Stadt führte.
Die Aufgabe Cahokias war Teil eines umfassenderen Musters. In der gesamten Region begannen die großen Mississippi-Zentren zu verfallen und auseinanderzufallen. Dies markiert den Beginn der späten vorzeitlichen Periode, einer Zeit des Übergangs und der Neuordnung. Die zentralisierte Macht der großen Häuptlingstümer schwand, und die Menschen begannen, in kleineren, stärker verstreuten Gemeinschaften zu leben. Diese Ära wurde manchmal als „Vacant Quarter“ (leeres Viertel) bezeichnet, da große Gebiete des zentralen Mississippi-Tals nach dem Fall Cahokias weitgehend entvölkert schienen. Die Bühne war bereitet für ein neues Ensemble von Akteuren, die Völker, die schließlich die Illiniwek-Konföderation bilden sollten, die begannen, in die nun leeren Lande einer einst mächtigen Zivilisation einzuziehen.
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