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Kernenergie

Inhaltsverzeichnis

  • Einführung
  • Kapitel 1 Die Entdeckung des Atoms und seines Kerns
  • Kapitel 2 Verständnis von Kernreaktionen: Spaltung und Fusion
  • Kapitel 3 Die Pioniere des Atomzeitalters
  • Kapitel 4 Wie ein Kernreaktor funktioniert
  • Kapitel 5 Arten von Kernreaktoren weltweit
  • Kapitel 6 Der Kernbrennstoffkreislauf: Vom Uranabbau bis zur Wiederaufarbeitung
  • Kapitel 7 Stromerzeugung: Die Rolle von Kernkraftwerken
  • Kapitel 8 Sicherheit und Schutz in kerntechnischen Anlagen
  • Kapitel 9 Die Geschichte von Kernunfällen: Gelernte Lektionen
  • Kapitel 10 Umgang mit und Entsorgung von Kernabfällen
  • Kapitel 11 Die gesundheitlichen Auswirkungen von Strahlung
  • Kapitel 12 Kernenergie und die Umwelt: Eine kohlenstoffarme Lösung?
  • Kapitel 13 Die Wirtschaftlichkeit der Kernkraft
  • Kapitel 14 Nukleare Proliferation und internationale Sicherungsmaßnahmen
  • Kapitel 15 Die Rolle der Internationalen Atomenergie-Organisation (IAEA)
  • Kapitel 16 Öffentliche Wahrnehmung und Missverständnisse über Kernenergie
  • Kapitel 17 Die Politik der Kernenergiepolitik
  • Kapitel 18 Kleine modulare Reaktoren: Die nächste Generation der Kernkraft
  • Kapitel 19 Kernfusion: Die Suche nach grenzenloser Energie
  • Kapitel 20 Jenseits der Stromerzeugung: Nuklearmedizin und andere Anwendungen
  • Kapitel 21 Die Nutzung von Kernkraft in der Weltraumforschung
  • Kapitel 22 Stilllegung von Kernkraftwerken
  • Kapitel 23 Ein vergleichender Blick auf globale Energiequellen
  • Kapitel 24 Die Zukunft der Kernenergie in einer sich wandelnden Welt
  • Kapitel 25 Ethische Überlegungen und der Weg nach vorn

Einleitung

Es gibt eine atemberaubende, fast unfassbare Menge an Energie, die im Kern eines Atoms eingeschlossen ist. Es ist eine Energie, die die Sterne antreibt und die grundlegende Architektur unserer physischen Realität ausmacht. Für den größten Teil der Menschheitsgeschichte blieb diese kolossale Energiequelle gänzlich unbekannt, ein Geheimnis, das fest in den kleinsten Teilchen der Materie verborgen war. Sie freizusetzen – in die Bindungen einzudringen, die das Universum zusammenhalten – ist vielleicht das ehrgeizigste und umstrittenste technologische Unterfangen der Menschheit. Dieses Buch handelt von diesem Unterfangen. Es ist die Geschichte der Kernenergie, der Kraft aus dem Atom.

Das zentrale Konzept ist zugleich einfach und tiefgründig. Gewöhnliche Energie, die Art, die die Menschheit seit Jahrtausenden nutzt, stammt aus chemischen Reaktionen. Das Verbrennen von Holz, Kohle oder Gas beinhaltet die Umordnung der Elektronen, die den Kern eines Atoms umkreisen. Kernenergie jedoch stammt aus dem Kern selbst – dem Atomkern. Durch das Spalten eines großen Kerns, einen Prozess, den man Kernspaltung nennt, oder durch das Zusammenzwingen zweier kleiner Kerne, einen Prozess, der als Kernfusion bekannt wird, wird ein Teil ihrer Masse direkt in eine gewaltige Menge Energie umgewandelt. Dies ist der Mechanismus, der jeden Morgen die Sonne entzündet und der in weitaus kontrollierterer Weise in Kernkraftwerken weltweit Strom erzeugt.

Dies ist nicht nur eine Frage der Skala; es ist eine völlig andere Größenordnung. Ein einzelnes Uran-Brennelement, kleiner als eine Fingerspitze, kann so viel Energie erzeugen wie eine Tonne Kohle, 149 Gallonen Öl oder 17.000 Kubikfuß Erdgas. Ein Kilogramm Uran enthält bei vollständiger Ausnutzung die zwei- bis dreimillionfache Energie eines Kilogramms Kohle oder Öl. Diese unglaubliche Energiedichte ist die Quelle des größten Versprechens der Kernkraft. Sie bietet das Potenzial für eine Welt mit reichlich Strom, erzeugt aus einem Brennstoff, der bemerkenswert wenig Land benötigt und während des Betriebs praktisch keine Treibhausgasemissionen produziert.

Heute sind etwa 440 Kernreaktoren in 31 Ländern in Betrieb und liefern gemeinsam etwa 9 % des weltweiten Stroms. Dies macht sie nach der Wasserkraft zur zweitgrößten Quelle kohlenstoffarmer Energie auf dem Planeten. Einige Nationen haben sie uneingeschränkt angenommen; Frankreich beispielsweise erzeugt etwa 65 % seines Stroms aus Kernreaktoren. In den Vereinigten Staaten liefern Kernkraftwerke fast 20 % des landesweiten Stroms und bilden ein kritisches Rückgrat des Stromnetzes. Seit über einem halben Jahrhundert erzeugen diese Anlagen Strom und haben dabei rund 20.000 Reaktorbetriebsjahre an Erfahrung angesammelt.

Doch trotz all ihres Potenzials inspiriert keine andere Technologie eine so potente Mischung aus Hoffnung und Furcht. Die Worte „Kernenergie“ rufen einen Sturm widerstreitender Bilder hervor. Auf der einen Seite sehen wir die saubere, leise Effizienz eines modernen Kraftwerks, ein Symbol wissenschaftlichen Fortschritts. Auf der anderen Seite sehen wir den Pilzwolken eines Atombomben und die schauderhaften Nachwirkungen von Unfällen an Orten wie Tschernobyl und Fukushima. Diese Dualität ist der Technologie selbst inhärent. Derselbe atomare Prozess, der Wasser zum Sieden bringt, um Dampf zur Stromerzeugung zu erzeugen, kann auch genutzt werden, um Waffen unvorstellbarer Zerstörungskraft zu schaffen.

Diese „Dual-Use“-Natur der Kerntechnologie liegt im Zentrum der globalen Debatte um sie. Viele der Materialien und Technologien, die mit einem zivilen Kernenergieprogramm verbunden sind, könnten potenziell für militärische Zwecke umgeleitet werden. Dieses fundamentale Dilemma hat die internationale Politik jahrzehntelang geprägt und zu komplexen Verträgen und Regulierungsbehörden geführt, die darauf abzielen, die friedliche Nutzung des Atoms zu fördern und gleichzeitig die Verbreitung von Atomwaffen zu verhindern. Es ist ein ständiger, delikater Balanceakt zwischen der Nutzung eines mächtigen Werkzeugs für menschlichen Wohlstand und der Eindämmung seiner Kapazität zur Verwüstung.

Das Verhältnis der Öffentlichkeit zur Kernenergie war ein volatiles, das oft dramatisch auf globale Ereignisse reagierte. Die öffentliche Unterstützung, die nach Vorfällen in den 1970er und 1980er Jahren stark zurückging, schwankte über die Jahrzehnte. Nach dem Unfall von Fukushima 2011 stieg der Widerstand in vielen Ländern. In den letzten Jahren jedoch, da die Dringlichkeit des Klimawandels zugenommen hat, begann sich die öffentliche und politische Stimmung in vielen Teilen der Welt erneut zu drehen. Umfragen zeigen, dass die Unterstützung allmählich zunimmt, wobei viele Menschen die Kernkraft nun als entscheidendes Werkzeug im Kampf zur Reduzierung von Kohlenstoffemissionen betrachten.

Trotzdem bleibt ein erheblicher Teil der Öffentlichkeit unentschlossen oder ablehnend, ihre Ansichten geprägt von tief verwurzelten Bedenken hinsichtlich Sicherheit, der Entsorgung radioaktiver Abfälle und dem Potenzial für Unfälle. Umfragen offenbaren ein kurioses Paradoxon: Menschen in Ländern, die bereits über Kernkraft verfügen, neigen dazu, unterstützender zu sein, und es gibt eine klare Korrelation zwischen Wissen über die Technologie und Unterstützung für sie. Doch viele geben zu, sich nicht gut informiert zu fühlen, was einen großen mittleren Bereich für sowohl Fehlinformationen als auch berechtigte Ängste empfänglich macht. Dieses Buch zielt darauf ab, diese Informationslücke zu schließen.

Das Ziel hier ist nicht, Sie davon zu überzeugen, dass Kernenergie der ultimative Retter oder ein unverzeihlicher Schurke ist. Stattdessen soll es eine umfassende und zugängliche Führung durch das gesamte Thema bieten. Wir werden von den bahnbrechenden Entdeckungen des frühen 20. Jahrhunderts bis zu den hochmodernen Reaktordesigns von morgen reisen. Dieses Buch wird die Wissenschaft entmystifizieren, die Geschichte erzählen, die Technologie erklären und den Kontroversen direkt ins Auge sehen. Wir werden untersuchen, wie ein Reaktor funktioniert, woher sein Brennstoff kommt und was mit ihm geschieht, wenn er abgebrannt ist.

Wir werden uns den herausforderndsten Fragen direkt stellen. Wie sicher sind Kernkraftwerke? Was sind die wahren gesundheitlichen Auswirkungen von Strahlung? Können wir jemals eine dauerhafte Lösung für Atommüll finden? Wie hoch sind die tatsächlichen Kosten von Kernstrom im Vergleich zu anderen Quellen wie Solarenergie, Windkraft und fossilen Brennstoffen? Wir werden auch über die Stromerzeugung hinausblicken auf die anderen bemerkenswerten Anwendungen der Kernwissenschaft, von lebensrettenden medizinischen Behandlungen und industriellen Anwendungen bis hin zum Antrieb von Missionen in den tiefen Weltraum.

Die Diskussion ist nie dringlicher gewesen als heute. Die Welt steht vor der monumentalen Aufgabe, sich von den fossilen Brennstoffen abzuwenden, die die industrielle Zivilisation seit Jahrhunderten angetrieben haben, die aber nun drohen, unser Klima unwiderruflich zu verändern. Der Strombedarf wird in den kommenden Jahrzehnten voraussichtlich erheblich steigen, getrieben von einer wachsenden Weltbevölkerung und der Elektrifizierung von Verkehr und Industrie. Diesen Bedarf zu decken und gleichzeitig Netto-Null-Emissionen zu erreichen, ist eine Herausforderung von atemberaubendem Ausmaß.

Erneuerbare Energiequellen wie Wind und Solarenergie expandieren rasch und werden zweifellos eine zentrale Rolle in unserer Energiezukunft spielen. Aber sie bringen auch ihre eigenen Herausforderungen mit sich, insbesondere ihre Intermittenz – die Sonne scheint nicht immer, und der Wind weht nicht immer. Kernkraft hingegen liefert eine konstante, zuverlässige, rund um die Uhr verfügbare Stromquelle, was sie zu einer einzigartigen und mächtigen Komponente eines stabilen, kohlenstoffarmen Stromnetzes macht.

Dieses Buch ist so strukturiert, dass es Sie logisch durch diese komplexe Landschaft führt. Wir beginnen mit dem Atom selbst und erforschen die Entdeckungen, die seine Geheimnisse entschlüsselten. Dann werden wir die Pioniere des Atomzeitalters kennenlernen und in die fundamentalen Reaktionen – Spaltung und Fusion – eintauchen, die die Kraft des Atoms freisetzen. Von dort aus bewegen wir uns in die praktische Welt der Kernreaktoren, untersuchen die verschiedenen heute eingesetzten Typen und den komplexen Brennstoffkreislauf, der sie erhält.

Spätere Kapitel werden sich den kritischen Themen Sicherheit, Unfälle, Abfallmanagement und den wirtschaftlichen und politischen Realitäten widmen, die die Industrie prägen. Wir werden die Rolle internationaler Gremien bei der Sicherung kerntechnischer Materialien untersuchen und die oft polarisierte öffentliche Wahrnehmung dieser Technologie erforschen. Schließlich werden wir unseren Blick zum Horizont richten, die nächste Generation kleinerer, modulärer Reaktoren untersuchen und die jahrzehntelange, verlockende Suche nach kontrollierter Kernfusion betrachten – ein Prozess, der eines Tages eine wirklich grenzenlose Quelle sauberer Energie bieten könnte.

Die Navigation in der Welt der Kernenergie erfordert einen klaren Blick, der sowohl ihre immensen Vorteile als auch ihre inhärenten Risiken anerkennt. Es ist eine Technik, geboren aus menschlichem Erfindungsreichtum, ein Zeugnis unserer Fähigkeit, die tiefsten Mechanismen der Natur zu ergründen. Aber es ist auch eine Technik, die ein beispielloses Maß an Verantwortung, Weitsicht und internationaler Zusammenarbeit verlangt. Die Geschichte der Kernkraft handelt nicht nur von Physik und Ingenieurwesen; sie handelt von Politik, Ökonomie, Psychologie und Ethik. Es ist eine Geschichte über die schwierige und oft konfliktreiche Beziehung der Menschheit zu ihren eigenen mächtigsten Schöpfungen. Die Reise zum Verständnis der Kraft aus dem Atom beginnt jetzt.


KAPITEL EINS: Die Entdeckung des Atoms und seines Kerns

Fast so lange, wie Menschen über die Beschaffenheit der Welt nachdenken, haben sie sich gefragt, woraus sie besteht. Wenn man ein Stück Materie nimmt – einen Stein, ein Blatt, einen Wassertropfen – und es in zwei Hälften schneidet, dann wieder in zwei Hälften, und so weiter – kann man das für immer tun? Oder gelangt man schließlich zu einem letzten, fundamentalen Teilchen, das sich nicht weiter zerteilen lässt? Um 400 v. Chr. vertrat der griechische Philosoph Demokrit die letztere Idee. Er schlug vor, dass alle Materie aus winzigen, unteilbaren und unzerstörbaren Teilchen bestehe, die er atomos nannte – das griechische Wort für „unzerschneidbar“.

Demokrits Theorie war von bemerkenswerter Weitsicht, aber sie war eben das: eine aus der Philosophie geborene Theorie, nicht aus dem Experiment. Sein Zeitgenosse Aristoteles schlug eine populärere und letztlich einflussreichere Idee vor: dass alle Materie eine Kombination aus vier Grundelementen sei – Erde, Luft, Feuer und Wasser. Aristoteles’ Ansicht hatte zwei Jahrtausende lang Bestand, und das Konzept der Atome wurde an den Rand des intellektuellen Denkens verbannt. Die Idee war nicht völlig vergessen, aber es brauchte mehr als 2.000 Jahre, bis sie wiederbelebt und auf eine solide wissenschaftliche Grundlage gestellt wurde.

Derjenige, der das Atom aus dem Bereich der Philosophie ins Labor brachte, war John Dalton, ein englischer Chemiker, Physiker und Meteorologe. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts führte Dalton eine Reihe von Experimenten mit Gasen durch, die ihn zur Formulierung der ersten modernen Atomtheorie führten. Er postulierte, dass alle Materie aus Atomen besteht, die er sich als winzige, feste Kugeln vorstellte. Nach Daltons Theorie sind alle Atome eines bestimmten Elements in Masse und Eigenschaften identisch. Ferner schlug er vor, dass Verbindungen entstehen, wenn Atome verschiedener Elemente in einfachen, ganzzahligen Verhältnissen kombinieren, und dass chemische Reaktionen lediglich die Neuanordnung dieser Atome sind.

Daltons Modell war ein gewaltiger Schritt nach vorn. Es lieferte eine wissenschaftliche Grundlage für die Chemie und erklärte die Gesetze der Massenerhaltung und der konstanten Zusammensetzung. Doch seine Vorstellung vom Atom als einer einfachen, unteilbaren, harten Kugel sollte nicht von Dauer sein. Der erste Riss in diesem Modell kam nicht von einem Chemiker, sondern von einem Physiker, der ein seltsames Phänomen erforschte, das auftrat, wenn eine hohe Spannung an ein Gas in einer abgedichteten Glasröhre bei niedrigem Druck angelegt wurde. Diese Gasentladungsröhren erzeugten eine ungewöhnliche Energieform, die von der negativen Elektrode ausging und als Kathode bekannt ist.

Der britische Physiker J. J. Thomson nahm in den 1890er Jahren die Untersuchung dieser „Kathodenstrahlen“ auf. In einer Reihe genialer Experimente im Jahr 1897 zeigte er, dass die Strahlen kein Licht waren, sondern ein Strom unglaublich kleiner, negativ geladener Teilchen. Er demonstrierte, dass diese Teilchen sowohl durch elektrische als auch durch magnetische Felder abgelenkt werden konnten. Durch sorgfältige Messung dieser Ablenkungen konnte Thomson das Masse-zu-Ladung-Verhältnis der Teilchen berechnen. Er fand heraus, dass dieses Verhältnis unabhängig von der Art des Gases in der Röhre oder dem für die Elektroden verwendeten Metall gleich war.

Die Implikation von Thomsons Ergebnissen war verblüffend. Diese Teilchen waren etwa 1.800-mal leichter als das leichteste bekannte Atom, Wasserstoff. Er hatte das erste subatomare Teilchen entdeckt. Da diese Teilchen universelle Bestandteile aller Materie waren, bedeutete dies, dass Daltons unteilbares Atom tatsächlich geteilt werden konnte. Thomson nannte diese Teilchen „Korpuskeln“, obwohl sie bald unter dem Namen bekannt wurden, den wir heute verwenden: Elektronen.

Die Entdeckung des Elektrons stellte das Modell des Atoms in Frage. Wenn Atome diese winzigen negativen Teilchen enthielten, mussten sie auch eine positive Ladung enthalten, um elektrisch neutral zu bleiben. Aber wie waren diese Bestandteile angeordnet? Thomson schlug 1904 das vor, was als „Rosinenkuchen-Modell“ bekannt wurde. Er stellte sich das Atom als eine Kugel aus gleichmäßig verteilter positiver Ladung vor, in die negativ geladene Elektronen eingebettet waren – ähnlich wie Rosinen (oder Korinthen) in einem Kuchen. In diesem Modell war das Atom eine weiche, neblige Kugel, deren Masse und Ladung überall verteilt waren.

Gerade als die wissenschaftliche Gemeinschaft mit der Idee subatomarer Teilchen rang, tauchte eine neue und noch rätselhaftere Entdeckung aus Paris auf. Im Jahr 1896 untersuchte der französische Physiker Henri Becquerel die Phosphoreszenz, das Phänomen, bei dem bestimmte Materialien nach Lichteinwirkung leuchten. Er war besonders daran interessiert, ob phosphoreszierende Mineralien die neu entdeckten Röntgenstrahlen emittierten. Sein Experiment bestand darin, Uransalze auf eine in schwarzes Papier gewickelte Fotoplatte zu legen und sie dem Sonnenlicht auszusetzen. Wie erwartet, war die Platte verschleiert, was darauf hindeutete, dass das Uran nach Absorption des Sonnenlichts eine Art durchdringende Strahlung aussendete.

Der endgültige Beweis kam jedoch durch Zufall. Nach einem solchen Experiment war Paris mehrere Tage lang bedeckt, sodass Becquerel seine Uransalze nicht dem Sonnenlicht aussetzen konnte. Er legte die umwickelte Fotoplatte und die Uransalzprobe in eine dunkle Schublade und wartete auf klaren Himmel. Einige Tage später beschloss er, aus Gründen, die er sich nicht ganz erklären konnte, die Platte trotzdem zu entwickeln. Zu seinem Erstaunen war das Bild auf der Platte stark und klar. Das Uransalz strahlte kontinuierlich Strahlung aus, von selbst, ohne jede externe Energiequelle wie die Sonne. Er hatte die natürliche Radioaktivität entdeckt.

Becquerels Entdeckung fesselte eine junge, in Polen geborene Wissenschaftlerin in Paris namens Marie Sklodowska Curie. Für ihre Doktorarbeit beschloss sie, diese mysteriösen „Becquerel-Strahlen“ zu untersuchen. Gemeinsam mit ihrem Ehemann Pierre Curie begann sie eine systematische Suche nach anderen Elementen, die diese seltsame Energie aussendeten. Sie fand bald heraus, dass auch das Element Thorium radioaktiv war. Es war Marie Curie, die den Begriff „Radioaktivität“ prägte, um diese spontane Emission von Strahlung durch bestimmte Elemente zu beschreiben.

Beim Studium eines Uranerzes namens Pechblende bemerkten die Curies etwas Merkwürdiges. Das Erz war deutlich radioaktiver, als es die darin enthaltene Menge an reinem Uran erklären konnte. Sie stellten die Hypothese auf, dass die Pechblende ein oder mehrere unentdeckte, hochradioaktive Elemente enthalten müsse. Es folgte ein mühsamer Prozess der chemischen Analyse. In einem primitiven Schuppen arbeiteten sie unermüdlich und verarbeiteten tonnenweise Pechblende, um diese unbekannten Substanzen zu isolieren.

Ihre unermüdliche Arbeit zahlte sich aus. Im Juli 1898 gaben sie die Entdeckung eines neuen Elements bekannt, das sie zu Ehren von Maries Heimat Polen „Polonium“ nannten. Einige Monate später, im Dezember, gaben sie die Entdeckung eines noch intensiver radioaktiven Elements bekannt, das sie „Radium“ nannten. Die Entdeckung dieser Elemente zeigte, dass Radioaktivität nicht auf Uran beschränkt war, sondern eine Eigenschaft bestimmter Atomarten darstellte. Sie deutete auf eine mächtige Energiequelle hin, die tief im Inneren des Atoms selbst lag – eine Quelle, die völlig unabhängig von chemischen Bindungen war.

Der Mann, der schließlich in das Atom hineinblicken und seine wahre Struktur enthüllen sollte, war Ernest Rutherford, ein brillanter Physiker aus Neuseeland, der damals in Manchester, England, arbeitete. Rutherford hatte bereits zwei Arten von Strahlung, die von radioaktiven Elementen ausgesendet werden, unterschieden und benannt: Alphateilchen, die schwer und positiv geladen waren, und Betateilchen, die leicht und negativ geladen waren (und später als Elektronen identifiziert wurden). Fasziniert von Thomsons Rosinenkuchen-Modell, entwarf Rutherford ein Experiment, um die innere Struktur des Atoms mit Alphateilchen als winzigen Projektilen zu untersuchen.

Das Experiment, das 1909 von seinen Assistenten Hans Geiger und Ernest Marsden durchgeführt wurde, ist heute als das Goldfolien-Experiment berühmt. Der Aufbau war einfach: Eine Quelle von Alphateilchen wurde auf eine extrem dünne Goldfolie gerichtet. Ein phosphoreszierender Schirm, der aufleuchtete, wenn ein Alphateilchen ihn traf, wurde um die Folie herum platziert, um den Weg der Teilchen zu detektieren, nachdem sie die Folie passiert hatten.

Nach Thomsons Rosinenkuchen-Modell waren die positive Ladung und die Masse der Goldatome dünn über ihr gesamtes Volumen verteilt. Daher erwartete Rutherford, dass die schnellen, relativ massereichen Alphateilchen mit nur geringen Ablenkungen direkt durch die Folie schießen würden, wie eine Kugel, die durch ein Stück Seidenpapier feuert. Und zum größten Teil geschah genau das. Die überwältigende Mehrheit der Alphateilchen passierte die Folie ungehindert.

Doch dann kam die Überraschung. Ein sehr kleiner Teil der Alphateilchen – etwa 1 von 8.000 – wurde in großen Winkeln abgelenkt. Noch erstaunlicher: Einige wenige prallten fast direkt von der Folie zurück. Rutherford beschrieb später seine Reaktion: „Es war das unglaublichste Ereignis, das mir je in meinem Leben widerfahren ist. Es war fast so unglaublich, als wenn Sie eine 15-Zoll-Granate auf ein Stück Seidenpapier abfeuern und sie zurückkommt und Sie trifft.“

Die Ergebnisse waren völlig unvereinbar mit dem Rosinenkuchen-Modell. Die einzige Möglichkeit, die Großwinkelablenkungen zu erklären, war, dass die positive Ladung und die Masse des Atoms nicht verteilt, sondern in einem winzigen, dichten Bereich im Zentrum konzentriert waren. Die meisten Alphateilchen durchquerten den riesigen leeren Raum des Atoms, aber die wenigen, die zufällig nahe an diesen dichten zentralen Kern kamen, wurden von seiner konzentrierten positiven Ladung so stark abgestoßen, dass sie scharf abgelenkt wurden.

1911 präsentierte Rutherford sein revolutionäres neues Modell des Atoms, basierend auf den Ergebnissen des Goldfolien-Experiments. Er schlug vor, dass das Atom aus einem sehr kleinen, dichten, positiv geladenen Kern besteht, den er den Atomkern nannte. Der Kern enthielt fast die gesamte Masse des Atoms. Die viel leichteren, negativ geladenen Elektronen umkreisten diesen Kern in einiger Entfernung, ähnlich wie Planeten die Sonne umkreisen. Zum ersten Mal hatte die Menschheit ein Bild des Atoms mit einem Kern.

Rutherfords Entdeckung des Kerns eröffnete eine neue Reihe von Fragen. Woraus bestand der Kern? Rutherfords Arbeiten hatten bereits gezeigt, dass der Kern eines Wasserstoffatoms der leichteste Kern war und eine fundamentale Einheit positiver Ladung zu sein schien. Im Jahr 1919 zeigten seine Experimente, bei denen Stickstoffgas mit Alphateilchen beschossen wurde, dass Wasserstoffkerne aus den Stickstoffatomen herausgeschlagen wurden. Er schloss daraus, dass dieser Wasserstoffkern ein fundamentales Teilchen und ein Bestandteil aller anderen Kerne war. Bis 1920 hatte er dieses Teilchen Proton genannt.

Das Proton allein konnte jedoch nicht die gesamte Masse des Kerns erklären. Ein Heliumkern zum Beispiel hatte eine Ladung von +2 (also zwei Protonen), aber eine Masse, die etwa viermal so groß war wie die eines einzelnen Protons. Jahrelang kämpften Wissenschaftler darum, diese Massendiskrepanz zu erklären. Eine Theorie besagte, dass der Kern zusätzliche Protonen enthalte, deren Ladung durch ebenfalls im Kern vorhandene Elektronen aufgehoben würde.

Rutherford selbst spekulierte 1920 über die mögliche Existenz eines Teilchens mit der Masse eines Protons, aber ohne elektrische Ladung. Er prägte sogar den Begriff „Neutron“ für dieses hypothetische Teilchen. Die Suche nach dem Neutron erwies sich gerade deshalb als schwierig, weil es keine Ladung hatte – es würde weder durch elektrische noch durch magnetische Felder abgelenkt werden und keine Spur in einer Nebelkammer hinterlassen.

Das letzte Stück des Kernpuzzles wurde 1932 von James Chadwick, einem ehemaligen Studenten Rutherfords, an seinen Platz gesetzt. Chadwick untersuchte eine rätselhafte Strahlung, die von Beryllium ausging, wenn es mit Alphateilchen beschossen wurde. Andere Forscher hatten diese Strahlung für hochenergetische Gammastrahlung gehalten. Chadwick jedoch führte Experimente durch, die zeigten, dass diese neue Strahlung mit gewaltiger Kraft Protonen aus einem Block Paraffinwachs herausschlagen konnte.

Seine Berechnungen ergaben, dass Gammastrahlen nicht genug Impuls hätten, um dies zu tun. Die Strahlung musste aus ungeladenen Teilchen mit einer Masse bestehen, die fast der eines Protons entsprach. Chadwick hatte Rutherfords fehlendes Teilchen gefunden: das Neutron. Seine Entdeckung, veröffentlicht in einem bescheiden betitelten Aufsatz mit dem Titel „Possible Existence of a Neutron“, vervollständigte das grundlegende Modell des Atomkerns.

Mit der Entdeckung des Neutrons war das Bild des Kerns im Wesentlichen vollständig. Es war ein dichter Kern, bestehend aus positiv geladenen Protonen und elektrisch neutralen Neutronen, wobei diese beiden Teilchen fast die gesamte Masse des Atoms ausmachten. Um diesen Kern herum befand sich eine Wolke umlaufender Elektronen. Die Anzahl der Protonen bestimmte die Identität des Elements, während die Summe aus Protonen und Neutronen seine Masse bestimmte.

Eine letzte Verfeinerung dieses Planetenmodells kam 1913 von dem dänischen Physiker Niels Bohr. Bohr behandelte einen kritischen Fehler in Rutherfords Modell: Nach der klassischen Physik sollte ein umlaufendes Elektron kontinuierlich Energie abstrahlen, an Geschwindigkeit verlieren und spiralförmig in den Kern stürzen. Bohr bezog Ideen aus der aufkommenden Quantentheorie ein und schlug vor, dass Elektronen nur in bestimmten, diskreten Bahnen oder Energiezuständen existieren können, ohne Energie abzustrahlen. Sie konnten zwischen diesen Zuständen „springen“, indem sie eine bestimmte Energiemenge aufnahmen oder abgaben, was die charakteristischen Linienspektren der Elemente erklärte.

Zu Beginn der 1930er Jahre hatte sich das einst unteilbare Atom als ein komplexes System offenbart. Es bestand hauptsächlich aus leerem Raum, beherrscht von einem winzigen, dichten Kern, der eine außergewöhnliche Menge an Materie enthielt und von Kräften zusammengehalten wurde, die noch nicht vollständig verstanden waren. Dieses neue Wissen über die Struktur des Atoms, insbesondere die Zusammensetzung seines Kerns, bereitete die Bühne für das nächste große Kapitel der Wissenschaft: die gezielte Manipulation des Kerns selbst. Die Suche nach dem Verständnis der grundlegenden Natur der Materie hatte die Menschheit unbeabsichtigt an die Schwelle zu einer Energiequelle von unvorstellbarer Kraft geführt.


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